Je ernster die Lage, umso ernster kann die Funktion des Unernstes werden.

GÜNTHER ANDERS, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 2

Leo Fleischhacker

Stefan Fleischhacker

…s Budav‡r in Wien, 24.3.2011/ Theatermuseum

L.Fleischhacker_Rampensau

 

 

MIT HUKHI´S ERLEBNISBERICHT ZUM INTENSIV-ENTDECKUNGS-WORKSHOP
Entdecke die Rampensau in dir!

 

Kursleitung: Stefan Fleischacker, Theater L.E.O

 

Jeder Kursbeschreibung vorweg empfehlen wir den Erlebnisbericht von unserem brennstoff-Autor Huhki als Panoramaeinstiegsinformation für dieses Seminar zu lesen. Bitte dafür ganz nach unten scrollen.

 

Der Alltag verlangt uns manchmal Unauffälligkeit und konformistische Verhaltensregeln ab. Dabei werden viele Emotionen, viele charakterliche Facetten, aber auch viele Skills und Talente ins Verborgene verbannt. Dieser Intensiv-Workshop richtet sich an all jene von euch, die ihre tief schlummernde Rampensau einmal nach außen kehren und mit der so gewonnenen Extrovertiertheit und Experimentierfreude genüsslich spielen möchten.

Stefan Fleischhacker, seines Zeichens Sänger, Schauspieler, Kunstpfeifer und Leiter des Letzten Erfreulichen Operntheaters (L.E.O.) in Wien, wird diese Fähigkeiten aus euch herauskitzeln und sie im wahrsten Sinne des Wortes bühnenreif machen – beispielsweise mit unterschiedlichen Gesangs- und Theatertechniken, mit Rollenspielen und Improvisationsübungen. Ziel ist es, die individuellen Begabungen jedes und jeder Einzelnen von euch zu nutzen und zum Blühen zu bringen. Mehr wollte uns Stefan von seinen Plänen für diesen 3-Tage-Intensiv-Endeckungs-Workshop noch nicht verraten. Außer, dass es zum Abschluss des Workshops unter Umständen ein Grande Finale geben könnte.

VORZUBEREITEN FÜR DAS SEMINAR WÄRE:
Eines oder mehrere Stücke nach Wahl in Form von Noten, Libretti, Monologen, Textauszügen oder einfach nur gedanklichen Skizzen und kurz beschriebenen Improvisationsszenen bitte mindestens 1 Woche vor Seminarbeginn an: akademie@gea.at

Vorhang auf und herzlich willkommen!

 

KURSLEITUNG:
Stefan Fleischhacker ist seines Zeichens Sänger, Schauspieler, Kunstpfeifer und Leiter des Letzten Erfreulichen Operntheaters (L.E.O.) in Wien.

 

 

RAMPENSAU-ERLEBNISBERICHT
von Henri Sanglier de la scène (alias Huhki Edelbauer)

Sus scrofa scaenarum
Wer zu Stefan Fleischhackers „Rampensau“-Seminar nach Schrems kommt, durchläuft in vier Tagen eine Achterbahn sämtlicher Aus- und Eindrucksformen:
introvertiert – extravertiert – extra vertiert und retour …

Den Gärtner zum Bock machen.
Stell dir vor, du willst dir ein Match anschau’n und stehst plötzlich im Tor. Oder du gehst wählen und findest dich selbst auf dem Stimmzettel. Diesen radikalen Aspektwechsel müssen alle Besucher der „Letzten Erfreulichen Operntheaters“ (L.E.O.) durchstehen, wenn sie – vielleicht noch erste Reihe fußfrei – plötzlich vom Besucher zum Mitspieler und vom Lauschenden zum Singenden mutieren. Dort macht nämlich das Publikum den Chor. Und so manche(r) steht flugs mitten im Ensemble. Mozart, Verdi, Rossini – auch wer glaubt, all diese Giganten schon in- und auswendig zu kennen, in der Ungargasse nimmt jede noch so bekannte Oper unerwartete und unbeschreibliche Wendungen…Aber schon ein einziger Sprung über den Theatergraben macht süchtig. Und so landet man folgerichtig bei L.E.O.- Impresario Stefan Fleischhacker in der GEA-Akademie und verläßt den Workshop als waschechte „Rampensau“…

Tragodia, Bocksgesang, nannten die Athener um 600 v. Chr. die entfesselten Umzüge zu Ehren des ekstatischen Gottes Dionysos, tagelange Feste, da jede(r) in rasendem Wechsel Darsteller/in und Publikum gab und zugleich noch zum ungeschriebenen Drehbuch und zur unberechenbaren Regie beitrug. Zwischen „lustig“ und „tragisch“ wurde damals noch nicht so scharf unterschieden, wie hundert Jahre später…Hauptsache dramatisch, temporeich, kosmisch und komisch wie die Geschichte(n) der olympischen Götter. Und genau diese elementare Rotation der Lebenskräfte lernten wir noch etwas schüchterne „Rampelferkel“ im Schremser Seminar kreativ zu nutzen und spontan zum Ausdruck zu bringen!

Himmelhoch betrübt – zu Tode jauchzend.
„Entdecke die Rampensau in dir“, so stand’s im Brennstoff. Und die Entdeckungsreise beginnt von der ersten Sekunde an. Schon die Vorbesprechung mit dem Stefan Fleischhacker am Ankunftsabend hat uns verwandelt. Wir tauften uns um, suchten uns Namen, die dem entsprachen, was wir schließlich „über die Bühne bringen“ wollten. Damit schmolzen die profanen Biographien unserer Truppe – inclusive Stefan fünf Frauen und drei Männer – dahin wie die letzten Schneeflocken in der ersten Aprilsonne; von Donnerstag bis Sonntag waren wir gleichsam magisch verwandelt. Wir hatten unsere Alltagspersönlichkeit (personare = lat. Durch die Maske sprechen!) abgelegt; auch unser Lehrer selbst war nicht mehr der bekannte Theaterdirektor aus Wien, sondern – ein Zauberer!

Alle waren wir mit einem Schlag unmittelbar – „enthusiasmiert“ (Enthusiasmus kommt von griechisch éntheos = eine göttliche Energie erfüllt dich, bringt sich durch dich zum Ausdruck). Unser Impresario führte uns von der ersten Stunde an zu den Wurzeln von Theater, Ausdruck, Sprachkunst und Gesang zurück. Nie hat er sich dabei hervorgetan oder uns eine „Rolle“ übergestreift. Wie ein taoistischer Meister gab er jeder Individualität Raum. Schopenhauer sagt, der Charakter zeige sich a posteriori, d.h. jedes Menschenwesen erkennt erst durch lebenslange Selbsterfahrung, wer, was, und wie es im Innersten ist. Und im Verlauf dieses erstaunlichen Workshops überraschte sich wirklich jede(r) selbst.

Jetzt muß ich von mir sprechen. Zwar, in meinen Zwanzigern lebte ich vier Jahre vom Opernsingen, an kleineren Häusern wie der Wiener Kammeroper oder der opera mobile in Basel. Zu Beginn, im Chor, plazierten mich die Regisseure an unauffälliger Stelle, happig wurde es, als ich kleinere Solopartien übernahm. Der Grund: Ich konnte einfach nicht „darstellen“; nichts außer den Kasperl. So mußte ich immer den Buffo machen. Eines Tages kam es darüber zu einer Diskussion zwischen dem Chef der Kammeroper und unserm Regisseur, Fritz Muliar. Hans Gabor wollte mir – auch aus Budget-Gründen – etwas größere und ernsthaftere Rollen gönnen und argumentierte: „Der Edelbauer wird jeden Tag ein winziges Stückl besser. Irgendwann wird er ein richtig guter Schauspieler!“ Darauf der Muliar bekümmert: „Ja wann er sehr sehr alt wird…“ Und jetzt, viele Jahrzehnte später mach ich mich auf den Weg von der Hinterbrühl ins Waldviertel, und diese typisch schwejksche Bemerkung geht mir immer wieder durch den Sinn. Bringt mich ins Grübeln: Ich bin grad erst a bissel, aber noch net sehr sehr alt – und noch ein viel lausigerer Schauspieler als damals…ich wird mich entsetzlich blamieren als Darsteller…oje!

Spielend gespielt werden.
Jede(r) von uns hegte etwas bange Gedanken, wie sich später herausstellte. Sogar Stefan selbst, denn er ging nicht nach Plan, sondern vollkommen spontan vor. Er arbeitete mit uns sozusagen ohne Netz und doppelten Boden. Unser Kursleiter erwies sich als unerschöpflicher Ideengenerator. Die Einfälle kamen ihm schneller, als er sie aussprechen konnte. Damit hätte er gut und gern hundert „Rampensäue“ ausbilden können. Und er riß uns alle mit. Wir kreierten Situationen, Konfrontationen, Sketches, Lieder, Wortspiele…die paar Tage waren so ergiebig, als hätten wir Jahre hindurch Theater studiert.

Wir standen beispielsweise in Paaren zusammen; eine Person beschimpfte die andere, welche mit Komplimenten reagierte; dann wurden die „Rollen“ vertauscht; unvermittelt stimmten wir immer wieder den Schlußchor aus Verdis Macbeth an – niemand fragte mehr ob er/sie singen „konnte“; und plötzlich ein skandierter Chor, jeden Tag länger, schneller gesprochen als die Gedanken jemals folgen können: blondedamenschwarzedamenbraunedamenrotedamen…manchehabenlangekleidermanchehabenkeinekleider…unterhellenlichtreklamenabendsschönsindalledamen; dann trugen wir einzeln die Lieder und Texte vor, die wir schon vorab gemailt hatten; das Stück Dramatik, welches sich jede angehende „Rampensau“ aneignen, einverleiben, für sich perfektionieren wollte. Stefan gewöhnte uns das Streben nach Perfektion mit einem genialischen Trick ab: Wann immer ein Mitglied unserer Gruppe zur großen „Darbietung“ ausholte, flüsterte er allen anderen eine Parole zu. Etwa: ignorieren – zudringlich werden – haltlos bewundern – ekelhaft finden – ausdruckslos hinnehmen – überreagieren. So lernten wir spielend unbewußt zu spielen, unbeirrt auch gegen den Wind zu segeln…

Und die für mich – für alle „Theaterlehrlinge“ – wichtigste Erkenntnis kam lautlos, als wir durch die unablässig wechselnde Herausforderung mürbe geworden, allen Ehrgeiz gut zu „schauspielern“ abgeworfen hatten, sich das „Auftreten“ quasi verflüssigte: Nicht du bist „Darstelle/in“, es stellt dich dar; verkörpere nicht etwas, laß dich verkörpern! Wie gut es sich anfühlt, Ausdruck, Sprache, Benehmen einfach durch sich strömen zu lassen…rampensaugut!

Rampenfieber.
Am erstaunlichsten bleibt aber, wie unser Mentor es zuwegegebracht hat, aus unseren so heterogenen „Wunschdarbietungen“ ein stimmiges Ganzes erwachsen zu lassen. Am Samstagmorgen sind wir schon eine innig verschränkte Gemeinschaft, ganz unbefangen inszenieren wir kleine Stegreifstücke, manchmal tun uns schon vor lauter Lachen die Rippen weh…Wir glühen für unsere Passion; aber am Abend kommt die Glutprobe – der Sprung ins Eiswasser! Stefan will daß wir unsere frisch erworbenen Fertigkeiten nicht angekündigt vor versammeltem Publikum demonstrieren. Die GEA-Akademie geht in diesem August wieder einmal über vor Lernbegierigen aller Disziplinen. Da sind die Damen vom Heilkräuterkurs, der große Spirituals-Chor, die Spontanrhetorik-Kursteilnehmer…

Und, so will es il Impresario, wir beginnen mitten im Speisesaal, während des Abendessens; nicht an einem Tisch konzentriert, vielmehr verteilt im ganzen Raum – Theaterpartisanen. Und im größten Trubel kommt das Zeichen. Ich greif’ zur Gitarre – das Chorlied aus den Hainburg-Tagen. Die Tischgespräche…verstummen beim dritten Takt. Unser Gesang quer durch den Saal ist willkommen. Die Kollegin am Nebentisch übernimmt volley „Liebes Leben fang mich ein…“ gibt weiter an unsere Mutigste mit ihrem „Vagina-Monolog“ im Plauderton, und während das Publikum noch zwischen Schock und Amüsement schwankt, führt schon die nächste Femme fatale in einem flammenden Appel vom Geiz zum Hüftschwung. Obwohl die Texte, still gelesen null Bezug zueinander hätten, hier im lebendigen Vortrag bilden sie einebruchlose Einheit.

Stephan ruft die „Seeräuber-Jenny“ auf den Plan, gleich darauf formuliert ein zweiter Demosthenes seinen dreiminütigen mäandernden Heiratsantrag ohne einmal Atem zu holen. Und gleich darauf soll’s für eine Lady „rote Rosen regnen“…Und schließlich summen alle im Raum den „Gefangenenchor“ verträumt mit. Der Schlußapplaus schwillt an. Wir haben die „Rampensau“- Matura bestanden! Fast. Denn nun kommt meine größte Herausforderung. Ich soll mitten ins laute Klatschen mein „Calling Love“ singen, sanft, zurückhaltend, konzentriert und den Saal noch einmal nur durch Bühnenpräsenz auf mich fokussieren. Also endgültig aus der Harlekin-Zwangsjacke schlüpfen. Keine Chance für Lampenfieber. Das Lied singt mich, trägt mich weg. Am Ende find’ ich mich bei der Kaffeemaschine, einen großen Espresso zubereiten. Eine Minute lang kein Laut. Alle acht Unerschrockenen stehen wir reglos. Und dann kommt, was Stefan mit seiner Breitband-Theatererfahrung vorausgesehen hat: ein Tsunami der Zustimmung. Beifall im tiefsten Sinn des Wortes. Etwas, das nur beglückt, wenn man sich ganz gegeben hat.

Welt-Präsenz.
Sonntag. Abschied. Wieder einmal von Schrems, von meiner GEA-Familie. Und von einer temporären Theater-Truppe für die mein Herz weiter schlägt. Ich habe verstanden: Schauspiel ist das Gegenteil von Verstellung; vielmehr Vorstellung im dreifachen Sinne: sich einmal ganz nach vorne stellen, mit jeder Faser ausstrahlen: Da bin ich. Das ist die Rampensau-Komponente, welche Stefan Fleischhacker mit einem Augenzwinkern im Brennstoff angekündigt hat; Vorstellen heißt aber auch: sich zeigen, den Schritt in die Unverborgenheit wagen. Und schließlich ist die Energie des Lebens selbst doch ein unaufhaltsamer Strom von Imagination – Vorstellung! Von diesem Strom laß ich mich auf der Rückfahrt in die Zukunft tragen. Ein Jahr war ich schon L.E.O.-Stammbesucher, als ich zu meiner Theater-Begleiterin gesagt hab: Was gäb ich nicht dafür, mit diesen Menschen etwas länger auf der Bühne zu stehen und zu singen – nur für ein paar Stunden wirklich Operntheater zelebrieren! Eine Woche später rief sie mich an: „Da schreibst im Brennstoff und überliest, daß der L.E.O.-Direktor den Workshop in der GEA-Akademie abhält?“ War das Zufall? Im wonnigen Halbschlaf seh ich den einst mit mir geplagten Fritz Muliar vor mir und murmle: „Herr Professor, bis ich sehr sehr alt bin – solang wart I net! Nicht einmal, bis ich sehr alt bin …“

 

 

TERMIN FR, 16. Juni, 19 Uhr, bis SO, 18. Juni 2017, 13 Uhr- anmelden

KURSBEITRAG 160,-
MATERIALBEITRAG 10,-

ORT Schrems, Seminarzentrum Waldviertler Schuhwerkstatt und Umgebung

ANMELDUNG bitte schriftlich: Anmeldeformular