Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Heinrich Staudinger sagt, er sei Kommunist und Christenmensch zugleich. Andere halten ihn für einen Querkopf.

Heinrich Staudinger sagt, er sei Kommunist und Christenmensch zugleich. Andere halten ihn für einen Querkopf.

 

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 28. April 2015

Der Finanzrebell aus dem Waldviertel

Ist eine Firma nur dann erfolgreich, wenn sie wächst und große Gewinne macht? Der Schuhfabrikant Heinrich Staudinger würde sagen: nein. Auch deswegen halten ihn einige für einen Querkopf.

Das Ungetüm muss weg. Daran gibt es für den Schuhunternehmer Heinrich Staudinger nichts zu rütteln. Er findet, es verschandelt das Stadtbild, vernichtet Arbeitsplätze und nimmt kleinen Händlern die Existenz. Mit dem Ungetüm meint er das Einkaufszentrum, das seit einigen Jahren mitten in Schrems steht. Ein seelenloser Glaspalast eben, wie es ihn in vielen Städten gibt. Doch der Mann mit dem wilden grauen Lockenkopf, den Freunde und Mitarbeiter einfach nur Heini nennen, will sich damit nicht abfinden. Der Kasten ist für ihn ein Symbol für sinnlosen Konsumwahn und den Niedergang einer ganzen Region. “Wir machen das Einkaufszentrum dicht und zahlen dem Betreiber eine Brachliege-Prämie. In zehn Jahren hätten wir den Klotz los”, schlägt er vor.

Das sind harte Worte, ausgerechnet aus dem Mund eines Unternehmers. Staudinger ist Chef der Waldviertler Werkstätten, die für die gleichnamige Ökoschuhmarke bekannt sind, und zugleich einer der größten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region. Er ist davon überzeugt: Ist das Einkaufszentrum erst einmal dicht, dann werde das Leben auf dem verödeten Hauptplatz der niederösterreichischen Kleinstadt mit knapp 6000 Einwohnern schon zurückkehren. Auch er will seinen Beitrag leisten und demnächst hier eine Art Reparatur-Akademie eröffnen. Kunden sollen hier lernen, wie sie kaputte Schuhe aller Marken selbst reparieren können.

Widerständler für die einen, Querulant für die anderen

Staudinger wäre nicht Staudinger, wenn er sich nicht in alles einmischen würde, was in seinem Umfeld passiert. So hat er sich einen Namen gemacht, als Freigeist und Unternehmer, der den Erfolg abseits der ausgetretenen Pfade sucht und gern den Widerständler gibt. In Österreich eilt ihm der Ruf eines Finanzrebellen voraus, seit er sich mit der Finanzmarktaufsicht angelegt hat. Die wollte ihm verbieten, Investitionen mit geliehenem Geld von Freunden und privaten Unterstützern zu finanzieren – ein Modell zur Kreditaufnahme ganz ohne Banken. Staudinger machte den Streit öffentlich und blieb hartnäckig. Österreich plant nun ein Gesetz für Crowdfunding, sogenannte Schwarmfinanzierung. Seitdem gilt Staudinger in der linken Szene als eine Art Held, der den mächtigen Banken die Stirn geboten hat. Kritiker halten ihn dagegen schlicht für einen Querulanten und Sozialträumer.

Dass der 62-Jährige mit seiner Unternehmensphilosophie Erfolg hat, können ihm aber selbst seine Neider nicht absprechen. Und der Erfolg lässt sich für ihn nicht nur über Wachstumszahlen und Gewinne definieren. Die sind ihm nicht so wichtig, solange die Firma gesund ist und keine großen Verluste auflaufen. Staudinger gilt als einer der Vorreiter auf dem Gebiet der Gemeinwohlökonomie, die den Erfolg einer Firma auch an deren Nutzen für Mitarbeiter, Gesellschaft und Umwelt bemisst und nicht am Börsenwert oder Ausschüttungen für Aktionäre. Nach diesem Konzept hat er die Schuhfabrik im Waldviertel aufgebaut sowie 46 GEA-Schuhgeschäfte in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Fast 300 Beschäftigte arbeiten dort; sie erwirtschafteten zuletzt einen Umsatz von insgesamt knapp 30 Millionen Euro.

Auch die privaten Ersparnisse stecken in der Firma

Dass er seine Ideale auch lebt, kann jeder in Schrems sehen. Wenn er in verwaschener Fleecejacke und ausgebeulten Jeans durch die Stadt ins Gasthaus geht, grüßen sie ihn. Oft bleibt er stehen, zu bereden gibt es immer was, etwa das Projekt, mit dem nach und nach die Hausdächer in der Innenstadt mit Solaranlagen ausgestattet werden. Er selbst wohnt in der Schuhfabrik, nur ein paar Schritte entfernt vom alten Stadtkern und von dem “Schandfleck”, den er am liebsten einreißen möchte.

Arbeiten und Leben sind für ihn eins. Sein Wohnzimmer ist vollgestellt mit Bücherregalen. Bündel von Papieren stapeln sich auf Stühlen, Tischen und überall dort, wo sich eine Lücke aufgetan hat. Zu den Mahlzeiten geht er meist nach nebenan in die Gemeinschaftsküche, wo sich die Belegschaft trifft, zum Essen, zu Geburtstagsfeiern oder nur zum Schwatzen. Staudinger sagt von sich, er sei Kommunist und Christenmensch zugleich. Dass das für so manchen nicht zusammenpasst, amüsiert ihn. Er findet es logisch, sein ganzes Geld in die Firma zu stecken, auch die privaten Ersparnisse. Bereut habe er das nie, sagt er. Im Gegenteil: “Ich habe mich gewundert, was das für eine befreiende Wirkung hat.”
Mitarbeiter wohnen auf dem Werksgelände – wenn sie wollen

Wer sich als Mitarbeiter auf das System Staudinger einlässt, wird Teil einer Art Betriebsfamilie. In der Produktion, dazu gehört auch eine Möbelwerkstatt, wird in kleinen Gruppen gearbeitet, und die Positionen werden immer wieder getauscht, damit es für niemanden zu eintönig wird. Wer mag, kann auf dem Firmengelände wohnen, etwa in kleinen Wohngemeinschaften. Ein Angebot, von dem vor allem die Jüngeren gern Gebrauch machen. Stellen in der Gea-Produktion sind in der dünn besiedelten Region begehrt.

Viele hielten Staudinger schlicht für einen Spinner, als er 1991 die völlig marode Waldviertler Schuhwerkstatt für den symbolischen Wert von einem Schilling übernahm. Die kleine Fabrik war damals ein gescheitertes Sozialprojekt für Langzeitarbeitslose, das Mitte der Achtzigerjahre vom österreichischen Sozialminister Alfred Dallinger initiiert worden war. “Dallinger war im Herzen Kommunist, er hielt das Projekt für einen wichtigen Schritt ‘zur Befreiung des Proletariats'”, erzählt Staudinger. Ein “witziger Gedanke”, wie er findet. Witzig ist ein Wort, das er gern und oft benutzt. “Das war naiv und hat natürlich überhaupt nicht funktioniert”, stellt er fest. Den Niedergang der Schuhindustrie und die Zeichen der Globalisierung habe damals keiner sehen wollen.

Vom gescheiterten Studenten zum Schuhhändler

Staudinger gab trotzdem nicht auf und baute das Werk mit einem Partner, der inzwischen ausgestiegen ist, völlig neu auf. Der Weg zum erfolgreichen Firmenchef war für ihn kein gerader. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Ort im Salzkammergut, wo seine Eltern einen Krämerladen betrieben. Mit elf Jahren kam er in ein katholisches Internat. “In den ersten Jahren empfand ich die Schule als Zuchthaus, später als einen Ort der absoluten Freiheit”, erzählt er. Der Geist der 68er-Bewegung entfaltete auch im katholischen Internat seine Wirkung. “Wir haben uns irgendwann selbst kontrolliert. Wenn zum Beispiel einer von uns besoffen heimkam, bekam er Ärger mit den anderen”, erzählt er.

Nach dem Abitur begann er, Soziologie und Theologie zu studieren, wie es viele zu dieser Zeit gemacht haben. Lange hielt er das nicht aus. Bei den Olympischen Spielen in München verdiente er sich als Nachtwächter das Geld, um mit dem Moped von Österreich bis nach Tansania zu fahren. Beeindruckt von den vielen Kranken, die ihn unterwegs in Afrika immer wieder um Hilfe baten, begann er ein Medizinstudium. Die Begeisterung verflog auch hier rasch. Seine Professoren seien für ihn nichts anderes als Lakaien der Pharmaindustrie gewesen. Das habe er damals nicht nur gedacht, sondern auch gesagt, sagt Staudinger. Das kam nicht gut an.

Seine Mediziner-Karriere endete schließlich vorzeitig mit einer vermasselten Prüfung und einer Shopping-Tour in München. Dort entdeckte er in einem Schaufenster die damals angesagten Earth Shoes, Gesundheitsschuhe, die vor allem von trendbewussten Anhängern der Protestbewegung getragen wurden. Das sei der Moment gewesen, in dem er beschloss, Schuhhändler zu werden, meint er. Einfach so. Per Anhalter fuhr er zum Hersteller nach Dänemark und orderte Schuhe im Wert von 300 000 Schilling. Heute sind das umgerechnet fast 22 000 Euro, für einen gescheiterten Studenten Ende der Siebzigerjahre ein großer Brocken. Das Geld lieh er sich von Freunden und Familie. “Ich hatte keinen Laden, keine Ahnung, wie man die Schuhe verkauft und noch nicht einmal ein eigenes Konto”, erzählt er.

“Jede Krise hat aber auch ihr Gutes.”

1980 eröffnete Staudinger sein erstes Schuhgeschäft in Wien, ein paar Jahre später leitete er bereits eine kleine Kette mit Läden in Deutschland und Österreich. Als seine Lieferanten unzuverlässig wurden, baute er eine eigene Schuhmarke auf, die er im Waldviertel herstellen ließ. Als die kleine Fabrik vor der Pleite stand, hatte er die Wahl, selbst in die Produktion einzusteigen oder aufzugeben. Er entschied sich für den Kampf. Einige Jahre war das Geld so knapp, dass er sich selbst kein Gehalt zahlte. An allen Ecken und Enden musste gespart werden. “Jede Krise hat aber auch ihr Gutes. Wir haben zusammengehalten, das war ein starkes Signal”, stellt er rückblickend fest.

Auch in den harten Zeiten hat er anders reagiert, als sonst in der Wirtschaft üblich. Anstatt Personal in der Produktion zu entlassen, hat er den Marketing-Etat zusammengestrichen. Seitdem macht er die Werbung selbst. Die bringt er, statt teure Anzeigen zu schalten, in Eigenregie unters Volk, in Form des GEA-Anzeigenmagazins, das in S-Bahnen und an anderen öffentlichen Orten ausgelegt wird. Hier schreibt und dichtet der Chef selbst, auch andere Weltverbesserer kommen zu Wort.

Auch Staudinger kann sich dem Kostendruck nicht entziehen

Wie alle anderen Schuhproduzenten muss sich auch die Fabrik in Schrems einem harten internationalen Wettbewerb stellen. Von der einst florierenden Schuhindustrie in Österreich und Deutschland ist nicht viel geblieben. Die meisten Hersteller lassen nur noch in Osteuropa oder Asien produzieren, weil es dort billiger ist. Staudinger ärgert das. “Viele Menschen wissen gar nicht mehr, was Schuhe wirklich wert sind.” Dem Kostendruck kann sich auch er nicht entziehen. Auch er lässt zum Teil in Tschechien produzieren, baut aber auch am Standort Schrems aus. Wer Gea-Schuhe kauft, muss für ein Paar mindestens 100 Euro ausgeben. Dafür seien es aber auch keine Wegwerfschuhe, betont der Firmenchef. “Man kann sie immer wieder bei uns reparieren lassen.” Viele Kunden wüssten das sehr zu schätzen.

Staudinger hat noch viel vor in Schrems, nicht nur als Fabrikant. Er setzt sich für den Ausbau der Sonnenenergie ein, hat vor Kurzem ein leer stehendes Hotel am Hauptplatz gekauft und zu einer Tagungsstätte umgebaut. Und dann wäre da noch die Sache mit dem Einkaufszentrum. “Schleifen heißt das Gebot der Stunde. Ich bin allerdings nicht sehr optimistisch, dass ich mit diesem Plan durchkomme”, meint er und lacht. Aber fordern könne er das ja mal. Vielleicht geht am Ende ja doch was.

 

Quelle: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 28. April 2015