Wie kann jemand zum Denker werden, wenn er nicht mindestens den dritten Teil jeden Tages ohne Leidenschaften, Menschen und Bücher verbringt?

FRIEDRICH NIETZSCHE

OSKARL

TribuT Die »Telefonschafe« von Jean-Luc Cornec grasen hier, auf unserer Titelseite und im Franfurter Museum für Kommunikation | www.jeanluc.cornec.de

 

OSKARL brennstoff 39, Europa (Online blättern)

TribuT – Als die Telefone laufen lernten

Im Foyer des Museums für Kommunikation in Frankfurt grast eine Schafherde. 12 Schafe tun im lichtdurchfluteten Eingangsbereich das, was Schafe eben so tun. Sie grasen, liegen ein wenig herum, schauen mit stumpfem Blick den Museumsbesuchern entgegen und … klingeln – was in einem  Museum  für  Kommunikation  zwar  erstaunen, nicht aber verwundern muss. Die Schafe in der Herde des französischen Künstlers Jean-Luc Cornec sind die genialen Zeugen einer Telekommunikationskultur, die längst Museumsreife erlangt hat und doch noch vor wenigen Jahrzehnten der einzige (sündteure) »Draht« in die Welt der 70er und 80er-Jahre war.

Den grauen Wählscheiben- und Tastentelefonschafsköpfen ist die neugierige Ratlosigkeit ob der galoppierenden Entwicklung  von  der  Wählscheibe  zum  Smartphonetouch screen deutlich ins Schafsgesicht geschrieben. Und versunken in den Genius dieser Transformation vom Telefon zum Schaf klingelts wieder. Im langgezogenen, durchdringenden Klingelton des guten alten FeTAp 611, dem Klassiker unter den Telefonapparaten aller Durchschnittshaushalte der 60er Jahre. Nervig, aber notwendig, denn die Telefonapparate der 60er Jahre waren nabelschnurgleich mit ihrem Spiralkabel an den fix in der Wand montierten Telefonstecker verbunden. Anstelle von telekommunaler Mobilität herrschte strenge spiralkabelgebundene Sesshaftigkeit mit einer Kabelfreiheit in Armlänge.

Die perfekten Kabellocken der Cornecschen Schafe wecken in mir Erinnerungen an Telefongespräche fernab jeglicher Privatsphäre mit ganzen Herden von Mithörern. Und es klingelt mir, dass uns die genialen Errungenschaften in Sachen Telekommunikation wohl rasant von deren Kinderkrankheiten befreit haben, wie es scheint jedoch nur, um uns ebenso rasant und unbarmherzig aus der wohlüberlegten Achtsamkeit einer kostspieligen und nicht transportablen Kommunikationskultur in eine Welt der Dauererreichbarkeit mit Internetanschluss zu versklaven.

Im Innenhof des Museums steht das 13. Schaf aus der Herde »TribuT«; ebengleich seinen genialen Artgenossen im Foyer, aber schwarz glänzend. Ihm wollen wir stellvertretend für die ganze Herde, den brennstoff-Oskarl fürs kurze Wachklingeln aus unserem alltäglichen handy-smart- und iphone-Wahnsinn verleihen. Merci les moutons. | Sylvia Kislinger

 


oskarlDer »Oskarl für ImprovisiererInnen« ist inzwischen eine fixe Einrichtung im brennstoff. Schick’ uns bitte geglückte Beispiele aus deinem Alltag! brennstoff@gea.at