Wichtig ist, bis ans Ende seiner Träume zu gehen.

JACQUES BREL

GEMEINSINNIGES WIRTSCHAFTEN

 

GEMEINSINNIGES WIRTSCHAFTEN Von Barbara Rauchwarter

Arbeit macht Sinn – Anmerkungen zum biblischen Arbeitsbegriff

Biblische Aussagen über Arbeit nehmen die Bedingungen in den Blick, unter denen Menschen arbeiten und benennen die Mächte und Ziele, für die gearbeitet wird. Natürlich geschieht das vor einem gänzlich anderen Hintergrund als heute nach der Wandlung von der Agrar- zur Industriewirtschaft und jetzt beim Übergang zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Trotzdem ist es lohnend, biblische Erfahrungen und Phantasiepotentiale in die heutigen Diskussionen einzuspielen, denn sie fragen nach dem sinnvollen Menschsein vor den Zielen der ökonomischen Effizienz und Bewertungen. Biblische Texte evaluieren die Würde des Menschen. (J. Ebach) Und die gewinnt er nicht nur aus seiner Arbeit, denn wie schnell würde das zu einer Leistungsbewertung und dem gefährlichen Recht des Stärkeren führen. Seine Würde gewinnt er   aus seiner Gottesebenbildlichkeit – in jedem Menschen lebt „das von Gott“, wie die Quäker sagen.

Mit dem sog. Schöpfungsauftrag macht Gott die Menschen zu Bündnispartnern: Menschen dürfen sich als MitarbeiterInnen an der Schöpfung Gottes verstehen und dem Menschen wird Arbeit zugemutet, nämlich die Welt zu bebauen (hebr. avad) und zu bewahren, zu behüten (hebr. schamar). Beide Aufträge kennzeichnen Arbeit als ein Tun in Beziehungen.

Kain ist der Bebauer, der sich aber nicht als Hüter versteht. Der Brudermörder wird zur Rechenschaft gezogen und muss lernen, mit seiner Schuld zu leben. Vom Acker vertrieben gründet er Städte, die immer auch eine mörderische, lebensfeindliche Struktur haben. Seine Söhne arbeiten verändernd und gestaltend (avad) – Arbeit gegen widerständige Natur und sie sind beteiligt an der Urgeschichte der Kultur und Zivilisation. Diese mythische Geschichte ist also

nicht von der Geschichte der Gewalt zu trennen. Die biblischen Aussagen lassen Arbeit im Gegensatz zu den Auffassungen der Antike in einem anderen Licht erscheinen, denn Gott selbst wird als Metallarbeiter, Weber, Töpfer, Käser, Hirte, Arzt bezeichnet. Arbeit ist also Schöpfungsprozess.

Der Lebenssinn nach antiken Philosophien ist die Muße, das Nichtstun. Arbeit ist Sklavensache und auch das gestaltende Handwerk wird nicht hoch bewertet. Die antiken Schöpfungsmythen begründen die Erschaffung des Menschen damit, dass er den Göttern zu dienen und Arbeit für sie – auch an ihrer Stelle – zu leisten hat. Diese negative Sicht auf das Arbeiten aus Zwang setzt sich fort in den unterschiedlichen Sprachen: griechisch: ponos (die Last des Esels), lateinisch labor (das Wanken unter einer Last, auch Mühsal, Krankheit) arebeit (mittelhochdeutsch: Mühsal, Leiden), französisch travail (aus mittellateinisch: tripalare – einem Pferd die Beine zusammenbinden oder russisch: rabota (aus rabu = Sklave). Die hebräischen Grundworte nennen neben neutralen Begriffen Worte für mühselige Arbeit oder Zwangsarbeit und das Wort melacha. Es bezeichnet Gottes Schöpfungsarbeit, die schwer und komplex ist und von der Gott am siebten Tag ausruhen wird. Gottes Ruhe, in die er den Menschen einbeziehen will, ist Abschluss, nicht Gegensatz der Arbeit. Anders als das Ideal der Muße in der Antike ist das Ziel der biblischen Aussagen nicht die Befreiung von der Arbeit, sondern die Befreiung vom Zwang zur Arbeit. Der Sabbat regelt zudem ökologische Verhaltensweisen – Brache und Schonung des Viehs: es gilt, nicht das Letzte herausholen zu wollen.

Die Bibel schildert viele prekäre Arbeitsverhältnisse, die den ursprünglichen Sinn zunichte machen.

Die Texte protestieren gegen Ausbeutung und Fremdbestimmung. Und damit erheben sie auch Einspruch gegen die Arbeitsverhältnisse im neoliberalen Wirtschaftssystem.

Das tut auch Papst Franziskus, wenn er anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos urteilt: „Diese Wirtschaft tötet“ und das auch in der Enzyklika Evangelii et Gaudium (53) festschreibt. Der Papst vertritt Positionen der Befreiungstheologie, die ihre Argumente biblisch stützt. Er hat im Herbst vergangenen Jahres 200 Frauen und Männer von sozialen Bewegungen aus aller Welt zu einem Treffen im Vatikan eingeladen und vor ihnen gesprochen – was von manchen als „Spontane Enzyklika zu Armut und Umwelt“ gewertet wurde. Zum Thema Arbeit sagte er:

„Es gibt keine schlimmere materielle Armut, als die, sich das tägliche Brot nicht verdienen zu können und der Würde der Arbeit beraubt zu sein. Jugendarbeitslosigkeit, informelle Beschäftigungen und fehlende Arbeitnehmerrechte sind nicht unvermeidlich, sie ergeben sich aus einer zuvor getroffenen gesellschaftlichen Option, aus einem Wirtschaftssystem, das den Profit über den Menschen stellt, und wenn es um wirtschaftlichen Profit geht, sogar über die Menschheit.

Hier sehen wir die Auswirkungen einer Wegwerfkultur, die den Menschen als Konsumgut betrachtet, das benutzt und dann weggeworfen werden kann.“ Mit dieser Analyse stimmt Franziskus auch Ilja Trojanow1 zu, der diese Menschen auf den „spätkapitalistische Müllhalden, aus denen es keine Rettung gibt“ landen sieht.

Der Soziologe Richard Sennett2 stellt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung fest, dass die Arbeit im alten Kapitalismus immer einen Kontext hatte, einen sozialen Nährboden, innerhalb dessen sie sinnvoll erschien – eben ein Arbeiten in Beziehungen. Im neuen Kapitalismus gäbe es das nicht mehr. Sennett beschreibt diese Entfremdung als Verlust, das Arbeitsleben zu einer zusammenhängenden Erzählung zu formen. Damit meint er keinen Lebenslauf für Bewerbungszwecke, sondern das Gewahrwerden und Reflektieren von Lernerfahrungen und -prozessen, von Fort – und Rückschritten und die Mitteilung darüber.

Arbeit gehört zum Menschen, sie stellt ihn in einen Bezugsrahmen für sein Leben. Er soll verantwortlich gestalten können.

Der Papst wiederholt: „Heute fügt man dem Phänomen der Ausbeutung und Unterdrückung eine neue Dimension hinzu, einen anschaulichen harten Gradmesser für das gesellschaftliche Unrecht: alle, die nicht integriert werden können, die Ausgeschlossenen sind „Überflüssige“, sind Abfall. Das ist die Wegwerf-Kultur… So etwas geschieht, wenn das Geld wie ein Gott im Zentrum eines Wirtschaftssystems steht und nicht der Mensch, die menschliche Person. Im Zentrum jedes gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Systems muss der Mensch stehen, Gottes Ebenbild, dazu geschaffen, dem Universum einen Namen zu geben. Wenn der Mensch zur Seite gerückt und die Gottheit Geld an seine Stelle gesetzt wird, geschieht die Umwertung aller Werte.“

 


Anmerkungen:
(1) Ilija Trojanow, Der überflüssige Mensch, Residenz Verlag 2013
(2) Richard Sennett, Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält. München, dtv 2014


Barbara Rauchwarter, 1942 in Hamburg geboren, seit 1964 in Österreich lebend. Evangelische Theologin im Schuldienst. In aktiver Pension seit 2007. Ihr Buch »Genug für alle. Biblische Ökonomie« ist 2012 im Wieser Verlag erschienen.