Das Mögliche ist beinahe unendlich, das Wirkliche streng begrenzt, weil doch nur eine von allen Möglichkeiten zur Wirklichkeit werden kann. Das Wirkliche ist nur ein Sonderfall des Möglichen, und deshalb auch anders denkbar. Daraus folgt, dass wir das Wirkliche umzudenken haben, um ins Mögliche vorzustoßen.

FRIEDRICH DÜRRENMATT, Justiz

GEMEINSINNIGES WIRTSCHAFTEN

Das Konzept der »Cooperativa Integral Catalana« ist darauf angelegt, nach einer Übergangsphase der Vertrauens- und Bewusstseinsbildung in eine geldlose Gesellschaft zu münden.

 

 

GEMEINSINNIGES WIRTSCHAFTEN Von Jochen Schilk

Versorgung mit dem Notwendigen

Jochen Schilk ließ sich über die katalanische Selbstversorgungs-Großgenossenschaft »Cooperativa Integral« erzählen.

»Was mich begeistert, ist, dass dieses Projekt wirklich groß gedacht ist!« Mein Freund, der Filmemacher Moritz Springer, kam mit leuchtenden Augen aus Katalonien zurück, einem der Schauplätze seiner gegenwärtig entstehenden Dokumentation über den lebendigen Geist des Anarchismus. Seine Erzählungen aus der »Cooperativa Integral Catalan«, kurz CIC, wecken rasch meine Neugier; die wenigen deutschsprachigen Artikel im Netz tun ein Übriges. Mein Eindruck aus der Ferne: Dort wächst etwas Bedeutsames. Und wie es der Zufall will, bekomme ich Ende September einige Tage lang Gelegenheit, eine Aktivistin aus der Initiative kennenzulernen und zu befragen. Esther (mit Betonung auf der letzten Silbe) reist als Teil einer vierköpfigen Busbesatzung durch Europa, um von der Existenz und Funktionsweise der Cooperativa zu künden und außerdem verschiedene Selbstversorgungs-Praktiken vorzuführen. »L’Art du Soleil« nennt sich ihr Bildungsprojekt. Während sie in meiner Heimat, dem Lassaner Winkel, zu Gast ist, saugt sie, die Spanierin, alles über die Gebräuche in dieser von intensiven nachbarschaftlichen Beziehungsgeflechten geprägten Ecke Vorpommerns auf und versucht, einer kleinen Runde von Hiesigen an einem Abend das Wesentliche über CIC nahezubringen. Esther äußert dabei spannende Sätze wie: »Je länger ein Mitglied dabei ist, desto leichter fällt es ihm, den Grundbedarf an Lebensmitteln und Dienstleistungen weitgehend Euro-frei zu decken. Die Menschen wissen dann,  was woher und wie zu bekommen ist.« Ja, das ganze Projekt mit seinen verschiedenen Regionalwährungen sei letztlich sogar darauf angelegt, nach einer Übergangsphase der Vertrauens- und Bewusstseinsbildung in eine geldlose Gesellschaft zu münden, in eine Schenkökonomie. Ich bin beeindruckt – aber wirklich verstanden, wie das Modell aktuell funktioniert und wie dieser Übergang ins immer mehr Geldlose sich vollzieht, habe ich nicht.

Moritz hatte seinem Reisebericht einschränkend hinzugefügt, dass die Kooperative – anders, als es der erste Außeneindruck vermuten lasse – derzeit freilich noch in den Kinderschuhen stecke. »Aber es ist gut, dass manche Menschen dort den Mut haben, weitreichende Veränderungen für ein größeres Gebiet zu denken!« Dass bereits mehr als 2000 Mitglieder unter dem rechtlichen Dach der CIC wirtschaften, ist durchaus ansehnlich. »Sie wollen in ihrem Genossenschaftsprojekt immer mehr Produkte und Dienstleistungen anbieten; sie versuchen, sich auf allen Ebenen unabhängig zu machen«, versucht Moritz eine Kurzbeschreibung, »unabhängig vom Staat«. Viele Bürgerinnen und Bürger in Spanien sind vom Staat und seinem Wirtschaftssystem tief enttäuscht. Die landesweite Protest­bewegung der »Indignadas« (die Empörten) aus den Jahren 2011 und 2012 findet in der CIC sowie in Hunderten kleineren Regiogeld-Initiativen und Tauschringen offenbar eine konkret-utopische ­Weiterführung.

Mehr als nur ein Regiogeld-Netzwerk

Das modulare CIC-Konzept ist darauf angelegt, anderswo reproduziert werden zu können, und es gibt auch schon Nachfolgeprojekte, etwa in Madrid oder der Provinz Valencia und auch in Portugal und Frankreich. Im Internet finde ich später den Hinweis auf den Versuch, mit dem Projekt »BetaBank« in Leipzig den katalanischen Verhältnissen nachzueifern.

Als die Sprachbarriere zwischen Esther und mir allzu limitierend wird, bekomme ich von ihr die Telefonnummer des deutschen CIC-Mitglieds Stefan Blasel in Barcelona; als Insider könne er mir insbesondere bei allen Fragen nach der Ökonomie helfen. Der aus Berlin stammende Ingenieur Stefan unternimmt gerade ein persönliches Experiment, das gut zum Geist der Kooperative passt: Er versucht für einige Monate, seinen Wohnbedarf ohne Euro-Einsatz zu decken, indem er Sprachunterricht gegen Unterkunft tauscht. Seine Einschätzung des Großprojekts ähnelt derjenigen von Moritz. Die CIC habe zwar all die von ihr genutzten Ansätze nicht erfunden: genossenschaftliche Organisation, Plenum, Komplementärwährungen, Food-Coops, Wohnungsbau-Genossenschaften, Null-Zins-Bank, Erfindungen zur Unabhängigkeit von industriell hergestellter Technik etc. »Initiativen, die mit all diesen auf Gemeingüter bzw. Commons zielenden Praktiken arbeiten, gibt es in Deutschland zum Teil schon lange«, weiß Stefan. Aber hier sei endlich einmal ein ›integrales‹ Projekt begonnen worden, das all diese schönen Wege zusammenbringt und somit Synergien schafft – nicht nur an einem Ort, sondern in einer größeren Region!

Während ich bei deutschen Tauschringen und Regiogeld-Systemen oft das Gefühl habe, dass es dort nicht anders als in der kapitalistischen Wirtschaft vor allem darum geht, sich gegenseitig irgendetwas anzudrehen, scheint das Hauptmotiv des CIC-Kon­strukts – so interpretiere ich Esthers Aussagen – die gemeinschaftliche (!) Selbstversorgung mit dem Lebensnotwendigen zu sein. Die fahrende Kooperativen-Vernetzerin spricht etwa von Dienstleistungen in den Bereichen Medizin, Alternativtherapie und Wellness, Bildung oder KFZ-Mechanik. Es gibt Coop-Carsharing und Repair Cafés ebenso wie Rechtsanwälte und Friseure – und selbstverständlich produzieren manche Mitglieder bzw. Mitgliedskollektive auch Dinge des täglichen Bedarfs wie Möbel, Seifen oder Nahrungsmittel. Eine eigene Lebensmittellogistik steuert einmal im Monat zahlreiche Verteilerpunkte in Katalonien an. Manche ihrer Produkte lassen sich bis zu 100 Prozent in Regionalwährung bezahlen.

Hacker, Bastler, Ökos, Punks und Mütter von nebenan …

Eines der vielen genossenschaftlichen Unterprojekte ist die bereits vor Jahrzehnten aufgegebene Textilfabrik von Calafou, 40 Kilometer vor Barcelona in einer Talsenke unterhalb einer Schnellstraßenbrücke gelegen. Von der Industriebrache fühlen sich insbesondere Hacker und Tüftler angezogen. Man übt sich in neuen Formen des gemeinsamen Wohnens und Arbeitens und versucht, einen Teil der Gebäude wieder herzurichten. Der ideelle Schwerpunkt liegt hier klar auf der Verwirklichung von »technischer Souveränität«: Da betreibt einer ein günstiges »freies« Telefonnetz, andere forschen an der Optimierung des »Rocket Stove«-Holzofenprinzips oder an Bewässerungssystemen. Die Baupläne werden selbstverständlich der »freien« Wissensallmende im Internet hinzugefügt. Moritz, der Filmemacher, konnte in Calafou allerdings nicht drehen, weil die Belegschaft forderte, dass sämtliches Filmmaterial als Commons frei zugänglich sein müsse, und zwar unabhängig davon, ob der Film seine Herstellungskosten schon wieder eingespielt hat oder nicht.

Bessere persönliche Erinnerungen nahm Moritz aus dem »AureaSocial« mit nach Hause – das ist das in der Innenstadt Barcelonas gelegene Hauptquartier der Cooperativa Integral. In dem mehrstöckigen Zentrum wird täglich gekocht, man muss sich nur bei den wechselnden Küchen-Teams anmelden. Die Atmosphäre ist locker, doch mehr noch fiel Moritz die hohe soziale bzw. subkulturelle Durchmischung des Publikums ins Auge. »Das war anders als in Calafou«, erzählt er. »Ich traf im Aurea auf einen 50-jährigen Anarcho-Altpunk, aber auch auf Leute aus der grünen Alternativszene. Ich machte Bekanntschaft mit einer ehemaligen Bankangestellten, die nun mehr und mehr ohne Euros lebt und sich außerdem für spirituelle Themen interessiert. In der Küche kochten an dem Tag zwei Mütter aus der eher proletarisch geprägten Nachbarschaft.« Ich frage Moritz, ob er nach mehreren Besuchen in Katalonien meine, dass es der Cooperativa gelungen sei, die manchmal doch ziemlich verschiedenen Facetten der regionalen Alternativkultur unter einen Hut zu bekommen – er bejaht. Esther hingegen zeigte sich noch nicht zufrieden: »Manche Leute aus der anarchistischen Szene kritisieren, dass in der Cooperativa fast nur weiße Heteros aus der Mittelschicht mitmachen – und sie haben recht! Ich wünsche uns zum Beispiel afrikanische Flüchtlinge.«

Die Genossenschaft schützt vor dem Staat

Die CIC – Stefan spricht das Kürzel wie »sik« – müsse man sich als einen »juristischen Schutzrahmen« vorstellen; die eigentliche Aktivität finde zunehmend dezentral in den sogenannten »Eco«-Netzwerken statt. Der Eco ist eine katalanische Regionalwährung, die jedoch nicht einheitlich für die gesamte Region gilt. Vielmehr lassen rund 20 »Bioregionen« ihre jeweils eigene – aber untereinander leicht verrechenbare – digitale Eco-Regionalwährung mit für alle Beteiligten offen einsehbaren Konten zirkulieren. Leistungen und Gegenleistungen werden mit dem computerbasierten »Community Exchange System« verrechnet, einem globalen Netzwerk von komplementären Währungen.

Wie jede Währung brauchen auch die katalonischen Ecos eine Deckung, also: einen bestimmten, garantierten (Waren-)Wert, der die Währungseinheit definiert. »Früher war der Dollar goldgedeckt, jetzt ist er erdölgedeckt«, meint Stefan und berichtet vom schwierigen Vertrauensbildungprozess bei der Etablierung der Regionalwährung, die heute mehr oder weniger »lebensmittel­gedeckt« sei: »Zu Beginn unseres Geldexperiments trat schnell das Problem auf, dass hinter den im Umlauf befindlichen Ecos gar nicht genug Deckung stand. Das betraf zum Beispiel die Lebensmittelproduzenten, die bald hohe Eco-Summen eingenommen hatten, für die sie aber nicht die entsprechenden Mengen an Produkten und Dienstleistungen – etwa Hilfskräfte für das Feld – finden konnten. Die Mitglieder waren sich anfangs auch nicht sicher, ob sie für ihr beim Ernteeinsatz schwer verdientes Regionalgeld etwas bekommen würden.« Erst nach einigen Anlaufschwierigkeiten sei der Kreislauf so weit in Schwung gekommen, dass alle Seiten in die Ecos vertrauen. »Produzenten etwa finden nun stets Helferinnen und Helfer, und wer Ecos verdient, bekommt dafür mit Sicherheit Lebensmittel«, erklärt Stefan und fügt hinzu: »Ich selbst arbeite freitags für vier Stunden in einer Gärtnerei und verdiene mir damit 24 Ecos. Das ist nicht viel, aber es reicht, um meine Nebenkosten zu zahlen und einen Teil der Lebensmittel.«

Der rechtliche Rahmen einer eingetragenen »Cooperativa« schützt die regionalen Eco-Netzwerke und ihre Mitglieder gegenüber dem Staat, erläutert Stefan weiter. Zum Beispiel können freiberuflich Tätige im Namen der Genossenschaft Rechnungen schreiben, was Sozialabgaben spart und auch nach einer Abgabe an die CIC noch günstig ist. Vorteile ergeben sich auch für freiberuflich tätige Menschen in Insolvenz, da sie im Schutzrahmen der Cooperativa weiterhin wirtschaftlich agieren dürfen. Dazu kommt, dass das Gesetz den Genossenschaftsmitgliedern einen Schutz vor Pfändungen garantiert – was vielen krisengebeutelten Spaniern, die zu Tausenden ihre Arbeit und somit ihre auf Pump gekauften Eigentumswohnungen verlieren, als eine bedeutsame Rettungs(halb)insel erscheint – inklusive »­inseleigenen« ­Juristen, die so manchen legalen Trick kennen und Mitgliedern etwa bei drohender Wohnungsenteignung zur Seite stehen. Schließlich bietet die Alternativökonomie auch Arbeitslosen die Möglichkeit einer Grundversorgung. Die wöchentlichen CIC-Infoveranstaltungen für Neulinge sind meist gut besucht. Bedingung für eine Mitgliedschaft ist die Teilnahme an einem 90-minütigen Kurs, der Grundlagen und Philosophie der Genossenschaft erklärt. Außerdem wird ein einmaliger Beitrag von 30 Ecos bzw. 30 Euros fällig; wer nicht einmal den aufzubringen in der Lage ist, leistet sechs Stunden freiwillige Arbeit in einem der CIC-Projekte. 

Wirtschaftlicher Ungehorsam

Ich staune, als Esther mir erzählt, dass es in Spanien relativ weit verbreitet ist, in einem Akt »wirtschaftlichen Ungehorsams« die Zahlung eines Steueranteils zu verweigern. Aus einer von der Initiative »Derecho de Rebelión« (Recht auf Rebellion) veröffentlichten Liste fragwürdiger Haushaltsposten – unter anderen Zinsen und Tilgung öffentlicher Schulden sowie die Finanzierung von Gefängnissen, Parteien, Polizei, Monarchie, Kirche – wählen ungehorsame Bürgerinnen jene Punkte aus, deren Quoten sie nicht mittragen möchten (das sind im Höchstfall 31 Prozent der Steuer­pflicht). Den entsprechenden Betrag vergeben sie stattdessen gemeinwohlfördernd; die Quittung über die Zahlung der Alternativ-Steuer reichen sie beim Finanzamt ein. Auf diese Weise erhält die Kooperative – neben den einmalig zu zahlenden Mitgliedsbeiträgen sowie den erwähnten Abgaben von Freiberuflern – Euro-Zuflüsse, die für das Funktionieren des Gesamtorganismus derzeit noch nötig sind. Bezahlt werden hiervon zum Beispiel für den Grundbedarf der Mitglieder wichtige Nahrungsmittel, die sich regional nicht selbst herstellen bzw. mit Ecos zukaufen lassen.

Derzeit erhalten 80 Mitarbeitende aus der Verwaltung und anderen Bereichen der CIC eine Art Grundeinkommen – in dem Maß, wie sie darauf angewiesen sind. Esther: »Diese Einkommen variieren je nach ermitteltem Bedarf. Bei manchen sind es ausschließlich Ecos, bei anderen kann auch ein Anteil in Euro dabei sein. Wieder andere sind in der Lage, ihre Arbeit ganz schenken zu können.« Stefan erwähnt, dass er für viele Tätigkeiten auch nichts nimmt – abgesehen davon, dass er eine Zeitlang keine Freiberufler-Abgaben an die Cooperativa zahlen musste. (Leider habe der neue Genosse in der Verwaltung dieses Arrangement nicht übernommen …)

Maßgeblich angeschoben hat die CIC übrigens ein bemerkenswerter Katalane, dessen Geldbeschaffungsaktion zur ­Finanzierung linker Projekte ein Jahr zuvor bedauerlicherweise weitaus mehr Presseecho auslöste als die Coop-Gründung selbst. Im Jahr 2010 machte der als »Robin Banks« bekannte Enric Duran seinen Coup öffentlich – und landete dafür eine Weile in Untersuchungshaft. Der damals 35-Jährige hatte mit fingierten Unterlagen und 6000 Euro Startkapital bei 39 Banken und Kaufhäusern 68 unterschiedliche Kredite aufgenommen, deren volle Rückzahlung er nie vorhatte – die Geldinstitute waren vor dem Banken-Crash recht freigiebig. Fast eine halbe Million mit der Kreditspirale erbeutete Euros investierte Enric unter anderem in eine massenhaft verteilte Zeitung mit dem Titel »Podem« (katalanisch: Wir können): »Wir können ohne Banken, ohne Multis, ohne Geld, ohne politische Klasse – ohne Kapitalismus – leben!« Auch die damals in den Windeln liegende Cooperativa Integral Catalana profitierte wohl von Robin Banks’ Coup.

Nun, da sie »in den Kinderschuhen« steckt, dürfen wir hoffen, dass die CIC in absehbarer Zeit ganz aus eigener Kraft ihr Ziel erreicht, ein weitgehend autonomer, lebendiger Organismus zur Selbstversorgung seiner Mitglieder zu sein!


Von Jochen Schilk. Zuerst erschienen in OYA 30/2015. Verwendung mit freundlicher Genehmigung von OYA – anders denken. anders leben