Frage dich nicht, was die Welt braucht. Frage dich, was dich lebendig sein lässt und dann gehe hin und tue das. Denn was die Welt braucht sind Menschen, die lebendig geworden sind.

HAROLD THURMAN WHITMAN

GEMEINSINNIGES WIRTSCHAFTEN

Ursula Baatz: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut?

 

GEMEINSINNIGES WIRTSCHAFTEN Von Ursula Baatz

Vom rechten Maß

Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut, lautet ein vielzitierter Slogan der letzten Jahre. Klingt vernünftig, denn schließlich sind wir doch alle von der Wirtschaft abhängig. Nur scheint die Sache nicht ganz zu stimmen – gut geht es einer sehr kleinen Minderheit, die Mehrheit hat nicht viel davon, dass es „der Wirtschaft“ gut geht. Reden wir von Österreich: es ist immer noch ein sehr reiches Land, etwas ca. 1% der Bevölkerung, etwas mehr als 82 000 Menschen besitzt mehr als eine Million Euro. Auf der anderen Seite leben fast eine Million Bürgerinnen und Bürger, das sind 20% der Bevölkerung, knapp an oder unter der Armutsgrenze. Es ist ein weltweiter Trend. In der EU sind etwas weniger als 1 %, ca. 4 Millionen Menschen, Millionäre mit einem Gesamtvermögen von 12,39 Billionen US –Dollar. Von Armut und sozialer Ausgrenzung sind in der EU dagegen fast 25%, also ein Viertel der Bürgerinnen und Bürger betroffen, rund 120 Millionen Menschen. Weltweit besitzen 13.730.000 Dollar-Millionäre 5.262.000.000.000.000 (= Billionen) Dollar. Pro Kopf sind das mehr als 38 Millionen Dollar. Die 85 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie 3.500.000.000 (3,5 Milliarden) der Weltbevölkerung. 1.500.000.000 = 1,5 Milliarden weltweit leben in bitterster Armut, es mangeln ihnen an Gesundheitsversorgung, Bildung und Lebensstandard. Das ist mehr als ein Sechstel der Bewohner des Planeten. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut? Wenn es geht nur wenigen gut geht, geht’s der Wirtschaft schlecht. Denn die Wirtschaft, das sind alle.

Die Mehrheit lebt von abhängiger Arbeit, die (zu)wenig Einkommen bringt, die Minderheit bezieht riesige Einkommen ohne Arbeit. Selbst das Davoser Wirtschaftsforum diagnostiziert mittlerweile die wachsende Ungleichheit als Bedrohungsszenario für die wirtschaftliche Entwicklung.

Finanzkommentare jedoch halten fest: der Reichtum nimmt seit Beginn der Krise exponentiell zu und wird weiter zunehmen. Nehmen ist seliger denn Geben, heißt das Credo. Denn die ökonomische Ungleichheit entspringt keinem Naturgesetz, sondern resultiert aus politischem Willen und der Menschenverachtung der ökonomischen und politischen Elite.

Dan Price, 29jährig, wohnhaft in Seattle und Jung-Millionär, zeichnet sich durch abweichendes Verhalten aus. Am Montag, 13.4.2015, rief Price nachmittags seine 120 Mitarbeiter zusammen und erklärte, dass ab sofort für die nächsten drei Jahre jeder 70.000 Dollar pro Jahr verdienen werde. Es war kein verspäteter Aprilscherz und bedeutete für insgesamt 70 Angestellte einen enormen Einkommenszuwachs – für 30 Leute sogar die Verdoppelung ihres Einkommens. Price selbst kürzte sein bisheriges Einkommen von 1 Million $ auf ebenfalls 7. 000 Dollar. Sein Unternehmen Gravity Payments, das Software für Kreditkarten-Transaktionen und Business Solutions bietet, machte im letzten Jahr zwar mehr als 6 Milliarden Dollar Umsatz, gilt aber als relativ kleines Unternehmen. Jeder in der Firma muss sein eigener Geschäftsführer sein; Provisionen erhalten Mitarbeiter nicht pro Abschluss, sondern abhängig von der Zufriedenheit des Kunden. Die bleiben fünfmal länger bei seiner Firma als in der Finanz-Branche üblich. Dan Price im O-Ton: “Ich möchte der Welt zeigen, dass es sich lohnt, die Kunden so zu behandeln wie man selbst als Kunde behandelt werden möchte, und das Interesse der Kunden jeden Tag zur eigenen Motivation zu machen. Das wird sich im Laufe der Zeit gegen die Gier durchsetzen.“ Sein Unternehmen bietet Mitarbeitern für die USA Ungewöhnliches: volle Krankenversicherung und nach einem Jahr die Möglichkeit, unbegrenzt bezahlten Urlaub nehmen zu können.

Immer wieder hatte er von Mitarbeitern über die Schwierigkeiten gehört, erhöhte Mieten, Krankenhaus-Aufenthalte oder die Ausbildung der Kinder zu zahlen. Price stieß auf eine Studie von Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann, wonach das Glück auch vom Geld abhängt. Zuwenig Geld, so Kahnemann, bringe nicht nur Finanzprobleme, sondern mache auch unglücklich und führe zu einer Geringschätzung des Lebens. Allerdings beschwere sehr viel Geld Menschen auf andere Weise. Der Schwellenwert der finanziellen Sorglosigkeit liegt nach Kahnemann für die USA bei etwa 70 000 Dollar Jahreseinkommen – dann könne man sich auf Beziehungen, Gesundheit, Kultur, Lebensfreude konzentrieren. Nach der Lektüre des Artikels beschloss Price, dies seinen Angestellten zu ermöglichen, und setzte die Gehälter drastisch hinauf.

Auf den ersten Blick erscheint das wunderbar, und Price machte internationale Schlagzeilen: „bester Boss aller Zeiten“, „Märchenhafte Lohnerhöhung“ usw. Doch lösen solche Aktionen das Problem der Ungleichheit nicht, auch wenn Ehrlichkeit und ein wenig Umverteilung sehr zu begrüßen sind. Die Ungleichheit ist das Ergebnis struktureller Probleme – etwa des Umstands, dass in den Industriestaaten mehr und mehr Menschen nicht mehr von ihrer Arbeit leben können, und zwar auch Leute mit guter Ausbildung. Während die großen Einkommen trotz aller Krisen vor sich hin wachsen, stagnieren lohnabhängige Einkommen der Unter- und Mittelschicht. Manager verdienen bis zum 300fachen von Durchschnitts-Gehältern – ein Zeichen maßloser Gier. Selbst konservativ denkende Ökonomen wie der Management-Guru Peter Drucker empfehlen ein Verhältnis 20:1. Drucker würde also die derzeitigen Spitzengehälter auf ein Sechstel reduzieren.

In einem Punkt trifft die Untersuchung von Daniel Kahnemann einen wichtigen Punkt des Problems: Solange – und nicht nur bei der Arbeit – der Erwerb von Geld im Vordergrund steht, sei es bei der Mehrheit, weil zu wenig davon da ist, oder bei der kleinen Minderheit, weil sie zu viel besitzt, verkümmert das Leben. Wenn Wirtschaft nur als Geldwirtschaft verstanden wird, dann sind Umweltzerstörung, wachsende Armut und Kriege um Ressourcen zwangsläufig die Folge. Marx sprach von Arbeit als „dem Stoffwechsel des Menschen mit der Natur“ – dementsprechend könnte man die ökonomische und ökologische Krise als Stoffwechselkrankheit bezeichnen. Oder auch als eine Krankheit der Seele; Seele verstanden als emotionale und mentale Strukturen, die die Form des „Stoffwechsel des Menschen mit der Natur“ bestimmen. In der alten christlichen Theologie galt die Sünde als Krankheit der Seele, da die Sünde das Leben schädigt. Strukturelle Sünde nennen Befreiungstheologen die lebensfeindlichen Verhaltensweisen, die sich in gesellschaftlichen Strukturen manifestieren.  

Es ist die Gier nach dem geldwerten Mehrwert, die heute den Stoffwechsel des Menschen mit der Natur bestimmt. Persönliche Charakterzüge stehen dabei in Wechselwirkung mit ökonomischen, sozialen und anderen Strukturen, die das Leben der Einzelnen bestimmen. Die drastische Gehaltserhöhung für die Mitarbeiter von Dan Price ist ein Schritt in Richtung Offenlegung und Abbau der ungerechten Strukturen. Auch sind die Heilmittel für die Stoffwechselkrankheit der Gesellschaft bekannt: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Es käme nun drauf an, sie zu leben.

 


Ursula Baatz
Philosophin, Ö1-Wissenschafts- und Religionsjournalistin, Lehrbeauftragte an der Universität Wien, Qi Gong-Lehrerin, Zen-Praktikerin, Reisende und Buchautorin, zuletzt: „Erleuchtung trifft Auferstehung. Zen-Buddhismus und Christentum. Eine Orientierung“ (Theseus 2009). Mit-Herausgeberin von „polylog: zeitschrift für interkulturelles philosophieren“.

 


Open Space Symposium
Zu unserem Pfingstsymposium „GEMEINSINNIG WIRTSCHAFTEN. Zum Start einer neuen Genossensschaftsbewegung“ von Freitag, 22. bis Pfingstmontag, 25. Mai 2015 erwarten wir Heinz Feldmann und Marianne Gugler als ImpulsgeberInnen.