Warum immer gleich sachlich werden, wenn es auch persönlich geht?

ANDRÉ HELLER

DIE WELT IST WIE WIR SIND
Heini Staudinger - Spenden für Afrika

Wenn wir uns jetzt durch Flüchtlingsströme überfordert fühlen, dann müssen wir, wenn wir diese Ströme stoppen wollen, über globale Gerechtigkeit nachdenken.

 

 

DIE WELT IST WIE WIR SIND Von Heini Staudinger

Globale Gerechtigkeit

Ich bin viel in der Welt herumgekommen. Per Autostopp und mit dem Fahrrad. Und meine längste Reise führte mich mit dem Moped von Schwanenstadt nach Tansania. Manchmal wurde ich gefragt, welche Gegend denn die schönste von allen gewesen sei? Jahrzehnte lang war meine Antwort eindeutig und klar: »Der Osten vom Kongo«. Eine Landschaft so schön wie das Salzkammergut. Berge, Flüsse, Seen und dazu eine Vegetation, dass einem die Spucke wegbleibt. Blumen und Blüten in einer unglaublichen Pracht, Früchte in einer nie gekannten Vielfalt, der Boden mit einer unfassbaren Fruchtbarkeit, wie wir sie in Europa gar nicht kennen … und die Menschen waren glücklich und zufrieden. Damals. 1973. Ihr Glück teilten sie gerne in einer großzügigen und warmherzigen Gastfreundschaft. Uns, meinem Reisegefährten Reinhold und mir, tat diese Gastfreundschaft – »fern der Heimat« – unglaublich wohl. Der Osten vom Kongo war für uns das Paradies.

Und dann kam, für die Menschen dort – plötzlich und aus dem Nichts – das Unglück. Die Ursache für dieses Unglück war nicht auf der Erde. Nein. Es lag unter der Erde. Denn dieser Landstrich birgt eine ungeheure Fülle an Bodenschätzen. Unter vielen anderen das heißbegehrte Coltan. Aus dem Coltan-Erz wird das seltene Metall Tantal gewonnen. Und Tantal brauchen wir in unserer modernen Konsumwelt wie der Heroinsüchtige den nächsten Schuss. Denn Tantal steckt in allen Digitalkameras und Spielkonsolen. Wir brauchen es für Laptops und Flachbildschirme. Am meisten jedoch für unsere Handys und Smartphones. Ohne Tantal gäbe es (Funk-)Stille in unseren Handys. »Dank« dieses Reichtums an Bodenschätzen wurde der Osten vom Kongo zum Schlachtfeld der modernen Weltwirtschaft. Dieser Krieg um die begehrten Erze hat schon 6 Millionen Tote gefordert. Millionen haben ihre Heimat, ihr Paradies, verloren.

Und bei uns? Die Werbewirtschaft weckt mit dem Einsatz von Millionen Euro den Appetit aufs nächste, neueste, noch bessere Handy. Der Tantal-Bedarf steigt und steigt.

Eine ganz andere Geschichte aus dem Buch der globalen Ungerechtigkeiten: Die EU subventioniert die Landwirtschaft. Überschüsse, z.B. Tomaten, werden zum Schleuderpreis nach West-Afrika, z.B. nach Ghana, exportiert. Dort sind die EU-Tomaten am Markt billiger als die einheimischen.

»Dank« der von der EU subventionierten und nach Afrika exportierten Agrarüberschüsse verlieren die lokalen Bauern nach und nach ihre Einkommensgrundlage. In solch schwierigen Situationen beschließen Familien, dass der klügste und stärkste ihrer Familie sein Glück in Europa versuchen möge. Irgendwie schafft er es dann bis zur Mittelmeerküste ins »ehemalige« Libyen. Die gefährliche Überfahrt durchs Mittelmeer zahlt er mit den gesamten Ersparnissen seiner Familie.

Die Überfahrt glückt. Er kommt in ein Flüchtlingscamp in Südeuropa. Irgendwie gelingt es ihm von dort abzuhauen. Als »Illegaler« findet er Arbeit in einer Tomatenfarm. Sein Chef kassiert die Subventionen von der EU. Die EU exportiert ihre Tomatenüberschüsse nach West-Afrika. Die Bauern dort können ihre Tomaten am Markt nicht mehr verkaufen … der Kreis schließt sich und die globale Ungerechtigkeit nimmt Anlauf zur nächsten Runde.

Und noch eine andere Geschichte, im selben Strickmuster: Die USA und die EU subventionieren ihre Baumwollbauern mit Milliarden Dollar und Euro. Würden sie das nicht tun, so heißt es im Film »Let’s make MONEY«, würde der Verdienst von Burkina Faso jährlich bei mindestens 80 Milliarden CFA (122 Millionen Euro) liegen. Zum Vergleich: Die bilaterale Entwicklungshilfe, die Kredite von EU, USA und Japan machen zusammen pro Jahr 20 Milliarden CFA (30 Millionen Euro) aus. Usw. usf.

Im Osten von Kongo habe ich das Paradies erlebt. Ich kenne auch Ghana und Mali. Es ist ganz einfach: So wie wir auch, wollen die meisten Menschen am liebsten daheim leben. Dort, wo unsere/ihre Familien wohnen. Dort, wo das Land nach Heimat riecht. Dort wollen wir/wollen sie leben und nicht in irgendeinem Asylland.

Wenn wir uns jetzt durch Flüchtlingsströme überfordert fühlen, dann müssen wir, wenn wir diese Ströme stoppen wollen, über globale Gerechtigkeit nachdenken. Und nach dem Nachdenken müssen wir handeln. Denn wer Unrecht sät, wird Unrecht ernten. Lasst uns umdenken und Recht statt Unrecht säen. Wie? Lasst uns bei der Änderung unserer Konsumgewohnheiten beginnen. Ohne Zweifel wird das nicht reichen, aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung – in die Richtung von mehr globaler Gerechtigkeit und kleinerer Flüchtlingsströme.

 


Komm mit uns nach Afrika! www.gea.at/walkingsafari