Jeder Blödsinn kann dadurch zu Bedeutung gelangen, dass er von Millionen Menschen geglaubt wird.

ALBERT EINSTEIN, 1932

ZUM TOD VON WANGARI MAATHAI
Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai ist am 25. September 2011 im Alter von 71 Jahren verstorben.

Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai ist am 25. September 2011 im Alter von 71 Jahren verstorben.

 

Die Liebhaberin des Lebens

Wer dieser Frau begegnen konnte, wusste um die Kraft des afrikanischen Kontinents. Eine drängende, tief mit der Erde verbundene Kraft war ihr zu eigen, eine unbändige Liebe zum Leben, ein ungebrochener Optimismus selbst angesichts der tiefsten Krise. Schon lebend konnte sie einem die Tränen in die Augen treiben, einfach wegen der Schönheit und Energie, mit der sie dafür einstand, das Leben lebendiger zu machen. Die Frau, die vor rund 35 Jahren in Kenias Hauptstadt Nairobi aus purer Hoffnung einen symbolischen Baum am »Tag der Erde« gepflanzt hatte und damit eine Bewegung begründete, die mit mehr als 40 Millionen Baumpflanzungen große Teile ihrer Heimat wieder aufforstete, ist im Alter von 71 Jahren gestorben.

Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, dass die Biologin Wangari Maathai in Kenia verzweifelt nach einem Ausweg aus dem Teufelskreis aus Unterentwicklung, Armut und Diktatur suchte. Aus dem landwirtschaftlich reichen ostafrikanischen Land war durch Kolonialismus und eine an Profit und Exporten orientierte Entwicklungspolitik tote Erde geworden. Die Qualität der Böden nahm ab, ohne Wurzeln wurde die dünne Humusschicht vom Wind abgetragen, es gab immer weniger Feuerholz für die Armen zum Kochen und Heizen. Die Versteppung und Ausdehnung der Wüsten nahm zu, das Grundwasser sank immer tiefer. Für ein Land wie Kenia, in dem 90% der Menschen auf und vom Land leben und Holz 75% des Energiebedarfs deckt, war das eine katastrophale Entwicklung.

Bei der jungen kenianischen Wissenschaftlerin Wangari Maathai wuchs die Einsicht, dass völlig neue Wege begangen werden müssen. Um das Problem an der Wurzel zu lösen, kam sie auf die visionäre Idee, das Land neu zu »verwurzeln«. Mehr Bäume, so erkannte sie, könnten die Lösung sein. Bäume könnten Feuerholz liefern, düngendes Laub, Früchte, Honig, Heilkräuter und neue Rohstoffe für Häuser, Zäune und Gebrauchswaren. Bäume konnten die Schönheit der Landschaft wiederbeleben und mit ihr die Liebe zum Land, sie lieferten Lebensqualität und Schatten, Nahrung für Leib und Seele. Als Wangari Maathai mit ihrer Idee, in Kenia 15 Millionen Bäume zu pflanzen, im staatlichen Forstamt vorstellig wurde, lachte man sie aus und versprach ihr voreilig, für die nötigen Samen schon sorgen zu können. Das Lachen sollte den Staatsförstern schon bald vergehen. Längst sind fast dreimal so viel Bäume gepflanzt. Überall im Land sind Baumschulen entstanden. Kenia ist von einem Netz grüner Gürtel überzogen. Die Landbevölkerung hat dabei ihr Selbstbewusstsein wieder gefunden, sich politisch organisiert und den Potentaten Daniel arab Moi nach Jahrzehnten der Diktatur zum Teufel gejagt. Wangari Maathai, die in ihrer Heimat zärtlich »Mama Miti« genannt wird, »Mutter der Bäume«, hat an dieser Entwicklung maßgeblichen Anteil. Die Frau, von der der Diktator wütend sagte, sie habe ein »Moskito im Kopf«, die Frau, deren Ehemann sich von ihr trennte, weil sie »zu klug, zu stark, zu selbstbewusst und wortgewandt« sei, die Frau, die als erste Afrikanerin einen Doktortitel erwarb und Professorin wurde, die Frau, die den »Alternativen Nobelpreis« 1984 und zwanzig Jahre später, 2004, den Friedens-Nobelpreis verliehen bekam, starb am 25. September 2011 im Kreis ihrer Familie an Gebärmutterhalskrebs.