Wenn Gesetze gemacht werden, um den Menschen die Freiheit zu nehmen, ist der einzige Weg, um frei zu bleiben, diese Gesetze zu brechen.

VANDANA SHIVA

VOM ABENTEUER DES WERDENS

Worauf es ankommt

Mein Freund Emil Isele hat drei Jahre lang im Maasailand eine Schule für alle Wartungsaufgaben in einem Spital geleitet. Seine Absolventen waren in ganz Kenia gefragte Leute, und manche sind es heute noch. Emil wusste immer, dass es für ein »gelingendes Leben« mehr als nur Fachwissen braucht. In seiner Arbeit in Afrika ging’s nie nur um Wissensvermittlung. Es ging um Sinn(stiftung) und um die Liebe – die zu sich selbst und die für die Nächsten und auch die für die Über- und Überübernächsten – und darum, alles dafür zu tun, dass sie glücken kann. Emil hat(te) von allem Anfang an viel Respekt vor der Schwierigkeit und Anstrengung, wenn eine/r – nomadisch aufgewachsen – den Sprung in die moderne Welt machen soll/will/muss. Doch Bildung ist eine Notwendigkeit, wenn er/sie/ihr Volk ein halbwegs selbstbestimmtes Leben führen will. In dieser Zeit als Lehrender begegnete ihm Symon. (Von ihm will ich später noch erzählen.) Was Emil instinktiv wusste und in seiner Arbeit auch umsetzte, fand ich in einem tollen Buch von Manfred Sliwka (»Das Abenteuer deines Werdens«) so treffend beschrieben:

»Die Frage, worauf es ankommt, dass das Leben gelingt, hat sich mir während meiner Arbeit zunehmend gestellt. Ist die Intelligenz entscheidend? Nein! Es gibt Menschen mit einem hohen Intelligenz-Qotienten (IQ), die mit dem Leben nicht zurechtkommen. Es gibt Menschen mit einem niedrigen IQ, die das Leben hervorragend meistern. Ist es eine Frage der Erfolgstheorien und Rezepte, der Managementmethoden oder des Studiums? Nein! Aber worauf kommt es denn dann an? Die Quintessenz meiner 40-jährigen Arbeit lautet – und ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen: Der entscheidende Faktor, damit das Leben gelingt, ist die richtige Lebensphilosophie, ist die richtige Grundeinstellung, ist das persönliche Wertesystem, mit dem ein junger Mensch an das Leben herangeht. Die Stärke einer Persönlichkeit hängt nicht von ihren Zeugnissen und nicht von ihrer Intelligenz, nicht von ihrem Bildungsweg ab. Persönlichkeit ist eine Frage der Werte, die ein Mensch lebt und die von den Mitmenschen erlebt werden. Das gilt in der Familie. Das gilt im Beruf. Das gilt in der Gesellschaft.«

Also damals, Anfang der 80-iger Jahre, als Emil Leiter dieser Schule im Maasai-Land war, lernte er Symon kennen. Symon staunte eine Zeit lang über Emils »System«, bis er den Wert seiner Werte erkannte. Durch Zufall kam er als kleiner Bub in ein katholisches Internat, später wurde er Priester und als er als Generalvikar der Diözese Ndong einen scharfen Antikorruptionskurs fuhr, bekam er so viele Morddrohungen, dass er das Land verlassen musste – in Richtung USA. Dort sammelte er Geld, um in seiner Heimat eine Schule zu gründen, in der es eben nicht nur um »education« geht, sondern auch um »values« und Haltung. Denn Symon ist davon überzeugt, dass eine/r diesen Übergang, oder besser gesagt, diesen Sprung vom Nomaden in die Neuzeit nicht unbeschadet überstehen kann, wenn sie/er nicht einen festen Charakter hat. Und den lernen und üben sie in Symons Schule.

Da wir Symon versprochen haben, ab heuer – mit Hilfe eures Spendengeldes – seine Schule zu unterstützen, wird er den Ausbau zügig vorantreiben können. Ein guter Grundstock ist bereits vorhanden. Der Unterricht kann in ausreichend großen, hellen Klassenzimmern abgehalten werden, es gibt einen Mädchen- und einen Knabenschlafsaal, einen Speise saal, eine Küche und eigentlich schon eine ganz ordentliche Infrastruktur. Wir haben uns Symons Pläne genau angehört und finden, dass alles, was er an Ausbau plant, Sinn macht und letztlich den Schülern dient. Im Vertrauen auf sein Vorbild hoffen wir für die vielen Kinder und Jugendlichen, die dort nicht nur Wissen, sondern ihre Lebensphilosophie erlernen, dass mit diesem (Wissens)Schatz im Rucksack ihr Lebens weg glücken möge.