Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Nest sitzen und Eier brüten?

FRIEDRICH NIETZSCHE

Liebe Freundinnen! Liebe Freunde!

Sklaverei war mir immer unheimlich. Schon als Kind konnte ich nicht begreifen, wie es möglich sein soll, einen Men­schen zu »besitzen«. Ich liebte die Spiri­tuals, die Lieder der amerikanischen Sklaven, in denen der Schmerz der Sklaverei und die Sehnsucht nach Freiheit gleichermaßen präsent sind. Besonders gern hatte ich das Lied »Go down, Moses, way down in Egypt land«. Es erinnert an das Volk Israel, das davon träumte, der Unterdrückung in Ägypten zu entkommen. Je länger sie Fronarbeit leisten mussten (»Opressed so hard, they could not stand«), umso stärker wuchs die Sehnsucht nach Freiheit. Da erschien Gott (dem) Moses und befahl ihm, zum alten Pharao zu gehen, um von ihm zu fordern: »Let my people go!« – lass mein Volk ziehen. Lass uns ziehen ins gelobte Land.

Die Sehnsucht nach Freiheit und nach Frieden ist uns allen, ist jedem von uns mit der Geburt ins Herz gelegt. Diese Sehnsucht ist ein unausrottbarer Traum. Diese Sehnsucht lebt in geheimnisvoller Weise in allen Menschenkindern. In dir, in mir. Es kann noch so finster sein. Sie ist da. Vielleicht kann man es sogar umgekehrt sagen: je finsterer es ist, umso stärker wächst die Sehnsucht.

Je brutaler der Krieg, umso stärker die Sehnsucht nach Frieden. (Homs, eine Millionenstadt im fruchtbarsten Teil von Syrien; bitte schaut euch Bilder von Homs im Internet an. Sofort können wir verstehen, warum sich die Menschen auf den Weg machen.) Je gnadenloser die Dürre, umso stärker die Hoffnung auf Regen (zwei Mal im letzten Jahrzehnt hat die Dürre bei meinen Freunden in Ostafrika den Großteil ihrer Herden vernichtet; Klimawandel).

Und wir? Wir leisten weder Sklavenarbeit auf irgendwelchen Baumwollfeldern noch verenden unsere Rinder in der Dürre. Wir arbeiten auch nicht für einen Dreckslohn 60 bis 70 Stunden die Woche in elenden Fabriken, um alles Mögliche für die Wohlhabenden herzustellen. Nein, nein, nein. Wir, die Wohlhabenden! Wir sind frei! Aber wir sind zu Sklaven des Appetits*, zu Sklaven des Konsums geworden. Natürlich wissen wir, dass uns der Konsum nicht ins gelobte Land führt. Und doch träumen wir alle von diesem Land. In unserer Tiefe wissen wir sehr genau, welche Spielregeln wir dort ersehnen. Alle wollen Gerechtigkeit. Wir alle wissen, dass Friedfertigkeit, Güte und Barm­herzigkeit die richtigen Werkzeuge sind. Nun? Nun dürfen wir nicht darauf hoffen, dass andere »das« für uns erledigen. Nein. Wir müssen uns selber auf den Weg machen. »Let my people go« – oder in Stille zu mir selbst gesagt: go/geh … Selbst, wenn ich scheitere, tut es der Seele gut.
 

Das meint im Ernst

Heini Staudinger Signatur

 

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Am Tag, als Mali unabhängig wurde, sagte der junge, unabhängige Präsident zu den scheidenden Franzosen: »Ihr habt uns heute die Freiheit gegeben, aber ihr habt uns zu Sklaven des Appetits gemacht.«

Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.
Marie von Ebner Eschenbach

Irgendwo hab ich diesen Satz aufgeschnappt. Ich weiß nicht mehr wo. »Ich habe dich gewollt, obwohl du mich nicht kanntest« … Ich finde diesen Satz so berührend. So, wie du bist, bist du gewollt. Das Leben (wir verstehen das Leben oft nicht) hat dich schon immer, von allem Anfang an, gewollt.